• Bettina

In der Silbermine in Potosi *Bolivien*


Ist es moralisch korrekt, sich die krassen Zustände und Arbeitsbedingungen der Minenarbeiter anzuschauen? Ich habe mir auch Gedanken darüber gemacht, mich mit verschiedenen Reisenden unterhalten, die bereits da waren und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich auch dieses Puzzleteil für das vollständige Bild Boliviens benötige. Vielleicht nicht benötige, aber es macht es eben komplett.

Der Cerro Rico im Hintergrund ist der Berg, um den sich in Potosi alles dreht. Die Mine brachte einst so viel Silber hervor, dass vor mehreren Jahrhunderten die Münzen eines Großteils unserer Welt von dort stammten und überall hin verschifft wurden.

Wir fahren hoch und halten am Laden der Minenarbeiter. Hier kann man legal Dynamit kaufen, Kokablätter, Zigaretten, Alkohol. Ich entscheide mich gegen den 96%-igen, fast puren Alkohol und nehme zwei Dosen Bier für die Männer mit.

Auch im klaren Zustand wäre die Arbeit unter Tage schon lebensgefährlich. Angeblich täglich passieren in Bolivien Unfälle in Minen. Wenn man nicht während der Arbeit das Leben aufs Spiel setzt, dann sind es die Folgen in Form von Lungenerkrankungen, die einem das Leben kosten. Ich habe gelesen, kaum einer wird älter als 40, maximal 60 Jahre.

Frage ich unseren Guide, ist das alles nicht so schlimm. Unfälle? Nein, nicht so viele. Er ist infiziert, sieht das schnelle Geld. Er geht zu seinen ehemaligen Kollegen, fühlt sich offenbar noch immer verbunden mit ihnen. Erst einmal ein Bierchen mit den Miners, während ich mir mit der Niederländerin (wir sind nur zu zweit) das Gelände anschaue.

In den Baracken leben die Arbeiter nicht. Sie haben hier ihre Kleidung, Lebensmittel und ihr Werkzeug gelagert. Jeden Freitag wird gefeiert, mit dem starken Alkohol, samstags werden alle Funde verkauft, da gibt es nur Bier. Pachamama, die Mutter Erde, bekommt generell den ersten Schluck.

Dann geht es los. Dong! Kopf angeschlagen. Dong! Schon wieder. Der Gang ist niedrig und eng. Ich schaue mir die Decken-Abstützungen an, die Hälfte der Holzbalken sind gebrochen. Nicht darüber nachdenken.

Dann kommen wir zu Tío, einer teufelartigen Figur. Hinter ihr an der Wand klebt Lamablut, außerdem wurde für Karneval geschmückt. Tío bekommt ebenfalls etwas Koka, Zigaretten und den guten "96%-igen" ab. Dabei wird Pachamama gebeten, dass heute ein erfolreicher Minentag sein soll und keine Unfälle passieren sollen.

Der Cerro Rico ist heute, was Silber betrifft, nahezu arm. Die Arbeit lohnt sich dennoch. Wir treffen zwei Männer, die eigentlich Lehrer sind. Gerade sind Ferien, deshalb arbeiten sie hier in der Mine. "Man verdient besser und schneller Geld.", erklären sie. Ein anderer Mann erzählt, seine Frau hatte auf ihn eingewirkt, den Job an den Nagel zu hängen, als sein Bruder ums Leben kam. Ginge es nach ihm, würde er nach wie vor dort arbeiten.

Unser Guide war 12 Jahre alt, als er die Arbeit in der Mine begonnen hat. Mit 26 hat er aufgehört und gibt seither Führungen. Warum? "Wegen den Chicas!", sagt er mit einem Lachen im Gesicht.

Es gibt große Unterschiede, wie die Mienen betrieben werden, staatlich oder privat. Im staatlichen Betrieb sind die Arbeitszeiten auf 8 Std./Tag festgesetzt, das Risiko des Ertrags liegt nicht bei den Arbeitern, was im ersten Moment gut klingt. Von den Leuten vor Ort hören wir jedoch, dass sie es bevorzugen, wie hier in einer privatisierten Mine zu arbeiten. Es bilden sich unendlich viele Kooperationen, die gemeinsam tätig sind. Jede Kooperation hat einen eigenen Mineneingang in den Berg. Außen sind sie Freunde, in der Mine arbeiten sie in die eigene Tasche, kaufen allerdings auch den Sprengstoff selbst, sowie die Bereiche, die sie bearbeiten. 500 $ zahlt der Boss einer kleinen Gruppe und hantiert dann mit seinen Helfern. Ihm gehört der Teil ein Leben lang. Ist nichts zu holen, verkauft er sie. Der Ansporn, mehr und länger zu arbeiten ist ganz klar da. Wenn es gut läuft, arbeiten sie ohne Ende. Reicht ihnen die Ausbeute, können sie aber auch entscheiden, die nächsten 7 Tage nichts zu tun.

Nun noch einmal die Frage, ob all das eine Art "monkey watching" ist. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich die Arbeiter freuen über das Interesse, natürlich ihre Coca leaves, den Alkohol oder einfach nur eine Flasche Fanta. Auch die direkte Nachfrage, wie sie es empfinden, brachte erst ein Grinsen hervor, dann jedoch die Antwort, man solle es sich anschauen.

Die Erlöse aus den Touren gehen - so sagte man uns - vollständig an die Minenarbeiter. Nun ja, von irgendetwas möchte wohl auch der Guide leben, aber sofern es der Großteil ist, ist es ja auch schon etwas.

Potosi an sich ...

ist nicht besonders sehenswert. Die Silbermine machte die Stadt reich, das sieht man sehr deutlich an den prächtigen Bauten im Stadtkern. Aber alles hat ein Ende.

Casa de la Moneda

Das heutige Museum neben dem zentralen Platz bringt einem den Silberhandel und die Münzherstellung in Potosi zur Zeit der spanischen Besetzung rüber. Die indigenen Völker und afrikanischstämmige Sklaven wurden nicht nur zur Arbeit in den Minen, sondern auch hier eingesetzt. Täglich konnten so 6.000 Silbermünzen produziert werden.

Leider habe ich nicht alles verstanden, da wir auch hier nur zwei Interessenten für die englische Führung waren und uns deshalb der spanischen anschließen mussten. Interessant ist es dennoch.

Der Eintritt kostet inkl. Führung 40 Bolivianos.

Infos

Die Minentour habe ich in meiner Unterkunft gebucht. Mit spanischsprachigem Guide (große Gruppe!) zahlte man hier 80 Bolivianos, mit englischsprachigem Guide (in meinem Fall 2 Personen) zahlte man eigentlich 100 Bolivianos. Ich hatte Glück, mir wurden auch nur 80 Bolivianos verrechnet. Es gibt aber auch zahlreiche Tourenanbieter in den Straßen, bei denen man kurzfristig buchen kann.

Im Preis sind ein Helm mit Lampe, Gummistiefel und eine Hose und Jacke als Überzug, sowie der Bus zum Mineneingang inklusive. Man benötigt jedoch noch ein paar Bolivianos, um im Markt für die Minenarbeiter kleine Geschenke zu kaufen (ca. 20 Bs.).

An- und Weiterreise

Zwischen Potosi und Uyuni (4 Std.) und Sucre (3 Std.) verkehren häufig Busse. Eine Reservierung im Voraus ist nicht nötig.

#Bolivien #Weltreise #Backpacking #Südamerika

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